Die Klappmütze

und andere alte Höfe in Gruiten

Wenn man von Erkrath-Hochdahl in Richtung Oberhaan geht, führt der Weg über die Millrather-, Gruitener-, Gräfrather-Straße durch Gruiten. Im Straßenabschnitt zwischen der Hochstraße und der Elberfelder Straße sieht man einige Häuser, die recht altertümlich anmuten, aber nicht besonders auffallen. Die ehemaligen Höfe oder Kotten sind mindestens 300 Jahre alt und noch heute in den Stadtkarten als Windfoche, Klappmütze, Champagne, Brotzhecke, Stropmütze und Polnische Mütze verzeichnet. Der seltsame Klang der Namen gab Anreiz, das Alter der Höfe zu erforschen und die Namen zu entschlüsseln.

Millrather-, Gruitener- und Gräfrather-Straße sind Teilstück einer alten Fernstraße, der „Gräfrather Straße“, die vom Rheinübergang bei Neuss bis zum Ruhrübergang bei Herdecke führte und weiter bis zum Hellweg bei Dortmund/Unna. Vor sehr langer Zeit war sie ein Wallfahrtsweg zwischen den Klöstern Gerresheim und Gräfrath. Sie führte durch die dichten Wälder, die das Bergische Land bedeckten. Später gewann die alte „Gräfrather Straße“ Bedeutung als Fahr-, Heer- und Handelsstraße. An wichtigen Punkten alter Fernstraßen entstanden Ortschaften oder einzelne Häusergruppen.

Die Erwähnung in alten Urkunden

 

Das vermutlich älteste Dokument, das für unsere Region existiert, ist die Karte von der Unterbacher Jagdt von 1641.1)

Vier der gesuchten Höfe sind hier am „Greefrather Weg“ eingezeichnet: Zwei Häuschen „an der Windfochen“ und (auf der anderen Wegseite) „Bredtschedt“.

 

Das Schatz- und Lagerbuch des Amtes Mettmann von 1672 2) führt unter der Honschaft Ellscheid zwei Windfocher Höfe auf:

„Engelß Windfoch“ und „Das Guth Clieffen Windfoch genannt“, außerdem „Das Guth Die Bratzhegg“.

Die Karte „Das Ambt Metman“ aus der ersten Landesaufnahme des Herzogtums Berg, der berühmten Topographia Ducatus Montani von Ploennies, 1715, zeigt deutlich den Verlauf der Straße nach „Grefradt“ und an ihr aufgereiht die Häuser „windfocherhöf“, "Klapmüz“, „Chapanie“, „brozheck“, „am heckelg“.

 

Das Topographische Tableau des Rheindepartements von 1809_3) liefert eine vollständige Liste aller vorhandenen Höfe. Zur „Honschaft Obgrüten“ (Seelenzahl 149) gehörte die „Klapmütze“, zur Honschaft Ellscheid die „Windfoch“, zur Oberen Honschaft Haan die „Schapanzen“, die „Brotzheck“, die „Stropmütze“ und die „Polnische Mütze“. Das „Heggelsgen“ gehörte zur Mittelhonschaft Haan.

 

Als letzte Archivalie gibt uns eine Schornsteinfegerliste von etwa 1850 4) weiteren Einblick. Der damalige Schornsteinfegermeister hatte eine sorgfältige Übersicht mit den „Nahmen der Häuser und den Nahmen der Bewohner“ angefertigt. In Ellscheid lagen fünf Häuser mit der Bezeichnung „Windfoch“.

Auch die „Brotzheck“ gehörte zu Ellscheidt und die „Stropmütz“. Die „Klapmütz“ wird unter Obgruiten; zwei Häuser „Schampangen“, drei Häuser „Stropmütze“, ein Haus „Polnische Mütze“ werden unter Oberhaan genannt. Das „Heckelchen‘ gehörte zu Mittelhaan.

Die Klappmütze (Bildmitte), verzeichnet in der Ploennies-Karte‚
Ambt Metman“ 1718 (Ausschnitt).

Wir wissen nun, daß Windfoche und Brotzhecke mit etwa 350 Jahren die ältesten Höfe an der alten Gräfrather Straße sind, daß die Klappmütze und die Champagne erst 70 Jahre später erwähnt werden und, daß Stropmütze und Polnische Mütze als jüngere Hausbauten gelten müssen.

 

Deutung der Namen

 

Sehr gut erkennen wir auch die wechselnde Schreibweise der Hausnamen. Namen wurden mündlich weitergegeben. Man sprach Platt und überlieferte Namen so, wie man sie verstanden hatte. In schriftlichen Zeugnissen wurden Bezeichnungen so festgehalten, wie sie zu dieser Zeit gerade lauteten. Außerdem wurden Landkarten und Abgabenlisten auch kopiert (abgeschrieben), wenn sie unleserlich geworden waren. Dadurch können weitere Fehler entstanden sein. Daher kann eine Namensdeutung nur sehr vorsichtig vorgenommen werden.

 

1. Windfoche

Fochen (mhd.) = fauchen, blasen. „Windfoche“ ist die Doppelbezeichnung für eine Stelle im Gelände, an der es besonders windig ist. Der Name kommt auch in anderen Gebieten des Bergischen Landes vor.

 

2. Klappmütze

Die Deutung erfolgt mit der Geschichte des Hauses. In Solingen, zwischen Nesselrath und Kradenpuhl, gibt es ein Sträßchen „an der Klappmötsch“.

 

3. Champagne

Das französische Wort kann nicht auf die Besetzung durch die Franzosen zurückgeführt werden, denn der Hof stand schon vor 1806 an diesem Platz. Zapfe, zappe (mhd.) = zapfen, Ausschank; Kappe (mhd.) = Umhang mit Kapuze, Kappe; Kambe (mhd.) = Haar-, Woll-, Weberkamm; c = k oder z. Vielleicht gab es hier eine Herberge. Es kann auch (neben Klapp-, Strop-, Polnische Mütze) die vierte „Mütze“ sein. Möglicherweise hat auch ein Weber dort gerodet.

 

4. Brotzhecke

Die Schreibweise wurde im Laufe der Jahrhunderte so stark verändert, daß eine Deutung nicht vorgenommen werden kann.

 

5. Stropmütze

Strop (ndrh.> = Schleife oder Schlinge. Stroppmütze (ndrh.) = weiße Sonntagshaube der Frauen (sie wurde über die Ohren „geströppt“).

 

6. PolnIsche Mütze

Vielleicht ließ sich hier ein polnischer Soldat (der bei seinem Mädchen bleiben wollte) nieder oder ein anderer Fremder, der den Einheimischen „polnisch“ vorkam.

 

7. Heggelchen

Eine kleine Hecke.

 

Die Klappmütze

 

Als Beispiel soll das Haus Klappmütze eingehender untersucht werden. Die älteste Erwähnung der Klappmütze findet sich in der Rottzehnten Specification de August 1694. Obgrüthen 5) ... an der Klapmutschen haben ein orth busch ausgerottet, liegt oben an dem hofe hinter dem busch von der wasser kaulen recht auff die Kirschbäumer oben in der heggen...".   Das hier genannte Waldstück lag zwischen Haus, Teich, Wäldchen und den Kirschbäumen an der Hecke. Das bereits vorhandene Haus trug den Namen „Klapmutsch“. Der „orth busch“ holt für zwei Viertel Morgen Steuern.

Der Name des Mannes, der hier gerodet hat, wird im Abschnitt zuvor genannt. Es ist Goerd zur Mühlen. Zur Mühlen war ein sehr alter Hof, der schon 1372 erwähnt wurde. Die Mühle an der Düssel muß jahrhundertelang ein sicheres Einkommen gehabt haben, denn sie erscheint in einigen Abgabenverzeichnissen mit guten Beträgen. Die Besitzer hatten über Generationen das Honnenamt inne. 

Zur Mühlen lag in Obgruiten (= oberhalb Gruiten). Goerd zur Mühlen rodete an der Klapmutschen. Das erklärt, warum die Klappmütze als einziger Hof auf Ellscheider Gebiet zu Obgruiten gehörte.

Die erste Erwähnung der Klappmütze findet sich in der

Rottzehnten-Spezification von 1694 (NW HSTAD Reg. Ddf. 18485).

Das Land war Eigentum des Klosters Corvey. Corvey hatte hier die Forsthoheit. Durch Urbarmachung wurde das Land der bisherigen Nutzung, der Jagd, entzogen. Dafür gebührte dem Landbesitzer eine Entschädigung in Höhe des zehnten Teils des Ertrages. Das war der Rottzehnt. Dieser konnte auch verpachtet werden. Den Rottzehnt im Gebiet der „Gräfrather Straße“ hatte das Kloster Corvey an die Grafen von Schöller verpachtet.

Die Urkatasterkarte von 1830 6) weist als Klappmütze ein Haus mit den Grundrißmaßen 16 x 8 Meter aus, dessen Schmalseite fast parallel zur Straße von Erkrath nach Gräfrath liegt. Dem Haus an der Längsseite vorgelagert ist ein Teich, der nur wenig größer ist als der Hausgrundriß. Die beiden Erweiterungsbauten an der östlichen Längsseite sind noch nicht vorhanden. Die heutige Hochstraße (die ins Dorf Gruiten führte) war noch nicht angelegt.

Die Klappmütze von heute sieht nicht aus wie ein Haus aus dem 17. Jahrhundert. Die westliche und die südliche Hauswand sind mit Ziegelsteinen verkleidet, die nördliche mit Holz und ein Teil der östlichen Wand mit Dachpappe. (Der Eingang zum Haus Klappmütze Nr. 3 befindet sich auf der östlichen, der Eingang zu Nr. 4 auf der nördlichen Seite.) Aber es gibt eine Reihe von Altersbeweisen, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind.

An der Nord- und Südwand ist unter dem Dachfirst ein dicker Dachbalken zu sehen, dessen Verlauf an der Ostseite zwischen den Erweiterungsbauten verfolgt werden kann. Er ist 16 Meter lang, so lang wie das ganze Haus. Im Inneren darunter verläuft eine Wand, die 54 cm dick ist, also doppelt so dick wie heutige Zimmerwände. Hier verlief die tragende Hauswand.

Aussehen des Hauses Klappmütze 3/4 im Jahre 1989.

Wie die Fotos von der Jahrhundertwende zeigen, war die Eingangsseite von Nr. 3 mit Schieferschindeln verkleidet. Zu dieser Zeit war auch die Eingangstür noch zweigeteilt (wie die Haustür von Nr. 4 noch heute). Die alten Fotografien zeigen auch einen seltsam geformten, schön gemaserten Marmorblock, der als „Dörpel“ diente. Er erinnert in seiner Form an einen Grabstein. Vor der Tür von Nr. 4 liegt so ein behauener Stein noch immer, während er bei Nr. 3 durch eine Betonstufe ersetzt wurde.

 

Im 2. Weltkrieg, als das Haus Klappmütze Nr. 1/2 zerstört wurde, rissen Bombensplitter Löcher in die Fassade von Nr. 3/4. Unter den Schieferschindeln kamen Eichenbalken und Lehmverputz zum Vorschein. In den 60er Jahren fiel beim Tapezieren ein Teil der Zimmerdecke herunter. Sie gab den Blick frei auf Balken, Stroh, Lehm und Ziegelsteine. Reste von Fachwerk sieht man noch heute über dem Kellereingang im Hausinneren und an der Ostseite und den Innenseiten der Anbauten an den Außenwänden.

 

Noch immer ist der kleine Gewölbekeller erhalten. Er mißt nur 7 x 3,5 Meter. Die Wände sind aus Natursteinen gebaut, mit Lehm verschmiert und gekälkt, der Fußboden ist aus gestampftem Lehm. An der höchsten Stelle hat die gewölbte Decke eine Höhe von 1,80 m. In den Wänden sind Nischen ausgespart. Durch Luken in der Decke konnten Feldfrüchte hineingeschüttet werden. In die Decke sind stabile Haken eingelassen. Ursprünglich war der Keller nur von der Hausseite Nr. 3 zu erreichen. Die Stufen aus Natursteinen messen nicht 18 (wie heute üblich), sondern 36 cm. Es gibt also eine ausreichende Zahl von Beweisen, die gestatten, den 300. Geburtstag der Klappmütze zu feiern.

 

Die holzverkleidete nördliche Giebelseite hat heute einen Betonsockel. Eingeritzt sieht man die Initialien P.F. und die Zahl 1896. Der Grundbucheintrag7) weist ab 1867 als Besitzer der Klappmütze Peter Fink aus. Er war es wohl, der 1896 das Fachwerkhaus rundherum verkleidete.

Eingangsbereich von Nr. 3 um 1900.

Immer noch ist die Frage, welche Rolle das zweigeschossige Haus vor 300 Jahren gespielt hat, unbeantwortet. Für ein einfaches Bauernhaus war es zu groß und das umgebende Ackerland zu klein. Eine Herberge mit Pferdewechselstation ist auch unwahrscheinlich. Es fanden sich keine Hinweise auf ehemals größere Eingänge, z. 6. Stalltore. Auch von Pferdeställen ist nichts bekannt. Das Haus war aber gut ausgestattet. Es hatte einen eigenen Fischteich (noch bis 1934) und einen eigenen Brunnen. Unter dem Eingangsbereich von Nr. 3 lag zudem ein Regenwasserbecken, das die Wasserpumpen im Haus mit Wasser versorgte. Noch bis in die 60er Jahre standen in den Anbauten die Schweinetraufen und Ziegenkrippen.

 

Nehmen wir für eine Erklärung die Namensdeutung zu Hilfe.


Mutsch (ndrh.) = in unserem Dialekt nicht gebräuchlich
Mutte (ndrh.) = Mutterschwein, Kaninchen
Mutz (ndrh.) = Kälbchen, dreckiges Weib
Mutze (ndrh.) = kleine Tabakspfeife
Mütze (ndrh.) = Frauenmütze
Klappmütze (ndrh.) = Mütze mit Ohrenklappen

mutsche/mutze (mhd.) = ein feines Bäckerbrot
mütze (mhd.> = Mütze
mûte (mhd.) = Maut, Zoll, Mautstätte
mûten (mhd.) = einen Zoll auferlegen
mûzen (mhd.) = wechseln
mutte, mütte (mhd.) = Scheffel

Klappe (ndrh.) = Klapper, Deckel, Mund
Klapp (ndrh.) = Schall durch Fallen oder Stoßen, Schlag
klapper, klaf, klapfelin (mhd.) = Klapper, Knall

 

 

Im Rheinischen Wörterbuch 8) liest man unter „Klappmütze“: Kappe mit Seiten- oder Backenklappen (Bezeichnung einer Herrschaft in Mettmann-Oberhaan). Diese Anmerkung erklärt nichts.

Vermutetes Aussehen des Hauses Klappmutz vor 1896.

Die erste amtliche Schreibweise des Namens erscheint 1715 in der Ploennies-Karte: Klapmüz. Darin ist das mittelhochdeutsche Wort mûten, mûzen = wechseln, einen Zoll auferlegen, enthalten. Das könnte bedeuten, daß die Klappmütze eine Zollstation war. Zu dieser Annahme passen die örtlichen Gegebenheiten: 1. Die Lage an der Landstraße, 2. die Größe des Steinhauses, 3. die Ausstattung mit Wasser, Acker, Vieh, 4. die kleine Zahl der Äcker.

Ein Fuhrwerk, das über die Gräfrather Straße fuhr, traf nach langer Reise durch menschenleere Gegenden erst in Obgruiten auf ein Haus. Dieses Haus war die Klappmütze. Wenn die Vermutung stimmt, waren dort der Schlagbaum (Klapbaum) und die Zollstation.

Der Zöllner zählte die Wagenladung und setzte danach den Zoll (die Maut) fest. Dazu wurden Helfer benötigt und Räume für Schreibarbeiten und Lager (für beschlagnahmte Waren). Im Bergischen Land wurden Straßenzölle bis 1875 erhoben. Spätestens zu dieser Zeit muß die Klappmütze ihre Bedeutung einge­büßt haben.

Die Bezeichnungen Stropmütze und Polnische Mütze wurden den Häusern vielleicht im Gleichklang mit der Klappmütze gegeben, als die ursprüngliche Bedeutung schon vergessen war. Die alten Häuser an der früheren Gräfrather Straße bergen noch viele Geheimnisse. . . .

 

Hanna Eggerath

 

Anmerkungen:

 

Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch Matthias Lexer (Hrsg.), 1974.

ndrh. = niederrheinisch

mhd. = mittelhochdeutsch

 

1Karte von der Unterbacher Jagdt, 1641. Übersicht des Herrschaftsgebietes von Haus Unterbach.

2) Schatz- und Lagerbuch des Amtes Mettmann, 1672. NW HSTAD Jülich-Berg III R 61.

3) Topographisches Tableau des Rheindepartements, Rentei-Bezirk Mettmann, 1809. NW HSTAD Großherzogtum Berg 8781, Seite 15 R.

4) Schornsteinfegerliste von etwa 1850. Stadtarchiv Mettmann.

5 Rottzehnten Specification de August 1694. Obgrüthen. NW HSTAD Regierung Düsseldorf 18485.

6 Urkatasterkarte der Bürgermeisterei Haan, Flur II, Mühlen, 1830.

7 Grundbucheintrag Artikel Nr. 18, 1867—1907, KIappmütz. Katasteramt Mettmann.

8 Rheinisches Wörterbuch, Josef Müller (Hrsg.), 1938.

 

 

 

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Daten und Ereignisse überwiegend entnommen aus folgenden Veröffentlichungen:

 

Hanna Eggerath, Journal 13 Jahrbuch des Kreises Mettmann